Wolfgang Bossinger im Interview

“Mantra-Singen gibt Kindern Freude und Sicherheit”

Singen hat vielfältige Effekte auf den Menschen. Ein Experte für die Wirkungen von Gesang auf Körper, Geist und Seele ist Wolfgang Bossinger, Diplom-Musiktherapeut und Liedermacher. 2012 gründete er mit seiner Ehefrau die „Akademie für Singen und Gesundheit (asg)“.

Herr Bossinger, wie wirkt Musik und besonders Singen auf den menschlichen Organismus?

Singen vertieft die Atmung, baut Stress ab, stimmt uns glücklich und führt zu mehr Wohlbefinden. Alles unter der Voraussetzung, dass es mit Spaß und ohne Leistungsdruck geschieht.

Was ist heilsames Singen?

Heilsames Singen ist eine Methode des Singens, die gerade auch Amateursängerinnen und -sänger ohne jegliche musikalische Vorkenntnisse mit einbezieht. Wir verwenden dabei einfache Melodien und Texte, die durch Vorsprechen und Vorsingen erlernt werden, zum Teil kombiniert mit Tanz und Bewegung. Es ist so konzipiert, dass wirklich jeder ohne Leistungsdruck mitmachen kann. Es geht dabei nicht um das Ergebnis, sondern um den Prozess, den Spaß, die Verbundenheit, das Eintauchen in heilsame Flow-Erfahrungen und die Aktivierung der Selbstheilungskräfte.

Ist eine gesundheitsfördernde Wirkung von Gesang wissenschaftlich nachweisbar?

Eine Vielzahl von Studien zeigt ermutigende Ergebnisse. Durch Singen wird das Immunsystem gestärkt, Stresshormone werden abgebaut, ein glücklich-stimmender, anti-depressiver Glückscocktail wird im Gehirn durch Singen produziert. Serotonin, Beta-Endorphin, Oxytocin und Noradrenalin erhöhen sich schon nach wenigen Minuten des Singens. Selbst Menschen mit schweren Erkrankungen wie Depressionen, chronischen Schmerz-Syndromen, Lungenerkrankungen, Demenz oder Sprachverlust nach Schlaganfall (Aphasie) berichten von deutlichen Verbesserungen durch die Teilnahme an Singgruppen. Aufgrund dieser Erfahrungen initiierte ich 2009 die mittlerweile weltweit tätige Organisation „Singende Krankenhäuser e. V.“, die die heilsamen Wirkungen des Singens vielen Patienten zugänglich macht und systematisch erforscht.

Kann Singen auch eine therapeutische Wirkung auf Kinder haben?

Nicht nur therapeutisch, sondern auch persönlichkeitsstärkend und entwicklungsfördernd. Vielsingende Kinder zeigen in Studien eine bessere Sprachentwicklung und vollkommenere motorische Fähigkeiten. Sie sind körperlich und psychisch gesünder, verfügen über mehr soziale Kompetenzen und können sich leichter in andere Kinder einfühlen. Daher fordere ich seit Jahren zusammen mit meinem Forscherkollegen, dem Musikpsychologen Dr. Karl Adamek, spielerisches Singen viel stärker in Kindergärten und Schulen einzusetzen. Darüber hinaus deutet alles darauf hin, dass Singen auch in hohem Maße gewaltpräventiv wirkt und Mitmenschlichkeit fördern kann – beides brauchen wir dringend in unserer Gesellschaft.

Sie waren an der Kinderyoga-CD „Schön, dass du da bist“ von Leila und Philipp beteiligt. Die Lieder basieren auf Mantra-Gesängen. Wie schätzen Sie die Verbindung von Yoga und Mantra-Singen für Kinder ein?

Beides ist für Kinder sehr wichtig. Yoga hilft den Kindern sich mehr zu zentrieren, zur Ruhe zu kommen, Stress abzubauen und ein positives Körpergefühl zu entwickeln. Singen ermöglicht ihnen Verbundenheit mit ihrer Umwelt und kreativen Selbstausdruck. Mantra-Singen gefällt Kindern, da viele von ihnen Rituale und sich wiederholende Erfahrungen wertschätzen, die ihnen Sicherheit geben. Kinder spüren sehr schnell die wohltuende Wirkung der Musik. Meine beiden Söhne haben schon im Alter von zwei und drei Jahren Chants und Mantras mitgesungen. Wichtig ist vor allem, dass die Erwachsenen selbst diese Lieder mit Freude singen und die Kinder dafür begeistern. Die Verbindung von Yoga und Mantra-Singen ermöglicht es den Kindern, ganzheitliche Erfahrungen zu machen. Körper, Seele und Geist sind gleichzeitig angesprochen, das lieben die Kinder.

 

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Wolfgang Bossinger ist Begründer und Ehrenvorsitzender von „Singende Krankenhäuser – Internationales Netzwerk zur Förderung des Singens in Gesundheitseinrichtungen e.V.“, Vorstandsmitglied von der „Deutschen Stiftung Singen“ und von „Il Canto del Mondo – Internationales Netzwerk zur Förderung der Alltagskultur des Singens e.V.“

Schon seit vielen Jahren erforscht Wolfgang Bossinger das Potenzial des gesundheitsfördernden Singens in Theorie und Praxis und bietet Weiterbildungen im „Heilsamen Singen“ an. Durch seine rege Seminar-, Vortrags- und Publikationstätigkeit engagiert sich Wolfgang Bossinger für die Entwicklung einer neuen Alltagskultur des Singens. Dabei kritisiert er das allgegenwärtige Leistungsdenken, mit dem das Singen in westlichen Gesellschaften verbunden sei. Mit seinem Leitsatz „Es gibt keine Fehler, sondern nur Variationen“, will er möglichst viele Menschen für das „Heilsame Singen“ gewinnen.

Für die Kinderyoga-CD „Schön, dass du da bist“ hat Wolfgang Bossinger als Kenner von Chants und Mantras eine Eigenkomposition beigesteuert. Das Lied „Der Baum“ spielte und sang er zusammen mit den beteiligten Musikern und dem Kinderchor ein.

INTERVIEW

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